Vorwort

"Wie die katholische Kirche die Jugend verführt" - bei diesem Titel werden vielleicht manche zuerst an die Missbrauchsfälle denken, die die katholische Kirche in den letzten Jahren erschüttert haben. Doch wer meint, dieses Buch beschäftige sich mit diesem dunklen Kapitel der katholischen Kirche, wer gar auf schlüpfrige Details wartet, ist hier falsch. Hier geht es um eine in hoher Auflage gedruckte geistige bzw. geistliche Verführung, für die nicht einzelne Priester, sondern die katholische Kirche als Institution insgesamt verantwortlich zeichnet.

Im März 2011 erschien die deutsche Ausgabe des katholischen Jugendkatechismus Youcat auf dem deutschen Buchmarkt. Ausgestattet als handliche Ausgabe mit bunten Bildern und einem Vorwort von Benedikt XVI. erlebte dieses Buch einen außergewöhnlich großen Erfolg. Nach drei Monaten waren bereits über 100.000 Exemplare verkauft. Die katholische Kirche hat mit diesem Jugendkatechismus noch viel vor. Er soll in ca. 25 Sprachen erscheinen und in über 50 Ländern verfügbar sein. 700.000 (!) Freiexemplare sollen allein am Weltjugendtag in Madrid verteilt worden sein. Neben den beiden Jesusbüchern von Papst Ratzinger ist dieser Jugendkatechismus Youcat der wohl größte publizistische Feldzug der katholischen Kirche seit Jahren. Der groß angelegte Versuch, sich im Denken und der Persönlichkeit von Kindern und Jugendlichen dauerhaft festzusetzen, sie hineinzuziehen in eine fragwürdige Dogmatik mit abstrusen Lehren und Dogmen, gab den Anlass für dieses Buch. Statt vermeintlich modern zum Glauben will es vermeintlich altmodisch zum Denken animieren und aufrufen.

Der Titel mag manchem provokant erscheinen. Muss man wirklich von Verführung sprechen? Hat nicht auch die Kirche das Recht, sich auf dem Markt der Möglichkeiten zu präsentieren und Anhänger zu finden? Dass dieser Ausdruck dennoch seine Berechtigung hat, will dieses Buch aber gerade belegen. Es stellt die 165 Fragen des Youcat, die sich mit den Grundlagen des katholischen Glaubens beschäftigen, erneut und gibt zu jeder Frage eine eigene kritische Antwort. Dabei zeigt sich von Frage zu Frage deutlicher, dass viele Aussagen des Youcat erstens schlicht unseriös sind und dass die sie vertretende Kirche zweitens viele Merkmale einer Ideologie zeigt, in diesem Fall einer religiösen Ideologie, nicht akzeptabel für eine pluralistische und offene Gesellschaft. Beides zusammen, Unseriosität und Ideologiebehaftetsein, im Verbund mit der gewaltigen Propagandamaschinerie, die die katholische Kirche in Gang gesetzt hat, um ihren Jugendkatechismus zu verbreiten, rechtfertigen es, nicht von Werbung um Jugendliche, sondern von Verführung von Jugendlichen zu sprechen.

Im Vorgriff auf die kritischen Antworten zu den katholischen Fragen hier eine erste Begründung.
Unseriös ist die katholische Kirche mit dem von ihr herausgegebenen Katechismus aus folgenden Gründen:
--Der Youcat verschweigt den Lesern konsequent die Forschungen zum historischen Jesus. Er weist nicht darauf hin, dass sich das Jesusbild der Kirche ganz erheblich von einer wissenschaftlichen Sicht auf Jesus unterscheidet und dass die Kirche ein künstliches und wissenschaftlich unhaltbares Jesusbild vertritt. Ein solches Vorgehen ist unseriös.
--Der Youcat verschweigt, dass die Mehrzahl der wissenschaftlich arbeitenden Neutestamentler heute der Auffassung ist, dass die Geburtsgeschichten späte Legenden, die Wunderberichte zumeist unhistorisch oder aus der Umwelt auf Jesus übertragen worden sind, dass der historische Jesus von Nazareth sich vermutlich nicht als Messias gesehen, und dass er zwar Gott, aber nicht sich selbst verkündet hat.
--Der Youcat verschweigt den Lesern, dass die neutestamentliche Forschung davon ausgeht, dass die Bedeutung Jesu (die Christologie) nach seinem Tod immer mehr gesteigert wurde. Aus dem Menschen wurde langsam ein Gott gemacht.
--Der Youcat verschweigt den Lesern Erkenntnisse der modernen Geschichtswissenschaften zur frühen Kirchengeschichte. Bemerkungen hierzu werden nur dann eingebracht, wenn sie das dogmatische System der Kirche stützen können. Kritische Fakten jedoch werden nicht einmal erwähnt.
--Der Youcat verschweigt den Lesern, dass die wissenschaftliche Forschung längst erwiesen hat, dass viele Teile der Evangelien kein historisches Material enthalten, sondern Erfindungen der christlichen Gemeinde sind. Dies gilt ausdrücklich auch für viele Worte Jesu, vor allem im Johannesevangelium, die für die Forschung fast vollständig als Erfindung des Evangelisten und seiner Gemeinde gelten.
--Unhistorisch argumentiert der Youcat mit Jesuszitaten, obwohl diese mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit späte Erfindungen sind. Jugendliche müssen dadurch den Eindruck gewinnen, die Bibel sei einheitlich und vertrauenswürdig. Die Forschung hat jedoch eindeutig belegen können, dass diese Sicht zwar fromm, aber eindeutig falsch ist.
--Der Youcat suggeriert den Lesern, dass die Entstehung des Priesteramts, des Bischofsamts und der katholischen Hierarchie auf Jesus selbst zurückgeht. Eine seriöse Wissenschaft jedoch sieht deren Entstehung in viel späterer Zeit. Auch diese Fakten erwähnt der Youcat mit keinem Wort.
--Der Youcat fördert oder verlangt zumeist ein wörtliches Verständnis der Bibel, auch dort, wo es sich eindeutig um literarische Texte handelt wie bei den Schöpfungsgeschichten oder der Sintflutgeschichte. Er zieht aus literarischen Texten historische Schlüsse.
--Die katholische Kirche betreibt im Youcat wie auch in ihren anderen Katechismen an vielen Stellen einen begrifflichen Etikettenschwindel, z. B. wenn suggeriert wird, dass Jesus bei zentralen Begriffen seiner Verkündigung (Reich Gottes, Geist Gottes, Hölle, Heiden, Endzeitvorstellungen, Menschensohn) schon so gedacht habe, wie dies eine viel spätere Dogmatik in Konzilien erst festgelegt hat. Unter Geist Gottes hat Jesus aber etwas ganz anderes verstanden als die spätere Dogmatik der Kirche. Davon erfahren die Jugendlichen kein Wort. Der Youcat ist weniger an einem historischen Jesusbild interessiert als mehr an den dogmatischen Festlegungen der Kirche über ihn.
--Die katholische Kirche versucht auch im Youcat den Eindruck zu erwecken, als seien späte dogmatische Entwicklungen, wie die Trinitätslehre und die Zweinaturenlehre, letztlich schon in den neutestamentlichen Texten implizit vorhanden. Die neutestamentliche Forschung sieht dies anders.
--Der Youcat gibt sich modern, macht jedoch inhaltlich keine Zugeständnisse an ein moderneres Verständnis des Katholizismus. Er verharrt auf den alten dogmatischen Positionen der katholischen Kirche. Eine Diskussion darüber mit Jugendlichen wird pro forma geführt, ist aber eigentlich nicht erwünscht.
--Der Youcat wirbt damit, dass Jugendliche an seiner Abfassung beteiligt gewesen seien. Tatsächlich scheint sich jedoch deren tatsächlicher Einfluss auf die Auswahl der Fotos beschränkt zu haben. Und vermutlich waren fast nur bereits gläubige Jugendliche dabei, die schon aufgrund ihres Alters wohl kaum in der Lage gewesen sein dürften, konträre Positionen zur üblichen dogmatischen Lehre des Katholizismus zu formulieren.
--Die Jugendlichen waren deshalb nur Mittel zum Zweck, die Gespräche mit ihnen letztlich Scheindialoge mit dem Ziel, den Jugendkatechismus besser platzieren und bewerben zu können. Tatsächlich werden Fragen, die Jugendliche besonders bewegen (Sexualität, andere Religionen, Hölle, Unfehlbarkeit, Gleichberechtigung der Frau), alle im Sinne des Lehramts beantwortet und an keiner Stelle die ausgetretenen Pfade katholischer Dogmatik verlassen. Ein Dialog sieht anders aus.

All dies ist unseriös. Vordergründig vertritt der Youcat eine Offenheit für die Wissenschaft, erwähnt sie jedoch überall dort mit keinem Wort, wo sie den dogmatischen Positionen der Kirche widerspricht. Ein nur verbales Akzeptieren von Wissenschaft aber ist Unwissenschaftlichkeit.

Verständlich wird diese Unseriosität durch das Ideologiebehaftetsein der katholischen Kirche. Der Katholizismus ist ein Hauptvertreter der religiösen Ideologie. Man erkennt dies leicht an folgenden Punkten:
--Die katholische Kirche reklamiert für sich einen besonderen Wahrheitsanspruch. Sie könne in Glaubensfragen nicht irren und deshalb auch nicht kritisiert werden. Eine solche Sicht ist ideologisch.
--Sie beruft sich auf heilige Schriften, die diese Wahrheit bezeugen sollen, aber von ihr selbst erst zu heiligen Schriften gemacht worden sind.
--Ein lehramtliches Politbüro wacht über die rechte Auslegung dieser heiligen Schriften und sanktioniert Interpretationen, die davon abweichen.
--Wie eine radikale politische Partei meint sie das Geschichtsgesetz erkannt zu haben, schwärmt von einer Urgesellschaft und wartet auf das Friedensreich, das dann anbrechen wird, wenn alle Gegner durch ein göttliches Gericht beseitigt worden sind.
--Die katholische Kirche verabscheut demokratische Strukturen im eigenen Apparat und ist hierarchisch aufgebaut. Die Führungsspitze wird kooptiert, nicht gewählt. Diese Hierarchie wird religiös hergeleitet und gerechtfertigt.
--Die Spitze der Hierarchie genießt quasireligiöse Verehrung. Wie bei einer Maidemonstration ist sie Mitte eines auf Pomp und Repräsentation ausgerichteten Ritualismus.
--Das religiöse Fußvolk dagegen hat so gut wie keine Möglichkeit, auf die Hierarchie einzuwirken. Es soll sich von der Kirche führen lassen.
--Wie andere Ideologien hat die katholische Kirche mit elementaren Grundrechten, also mit Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit oder der Gleichberechtigung der Frau, große Probleme. Die Benachteiligung der Frau wird religiös gerechtfertigt.
--Die katholische Kirche hängt einem religiös-ideologischen Weltbild an, das sie auch dann noch vertritt, wenn dessen Unwissenschaftlichkeit längst erwiesen ist. Die Internalisierung dieses falschen Weltbilds verlangt sie von ihren Gläubigen.

Die Übereinstimmungen gerade der katholischen Kirche mit einer politischen Ideologie ist schon oft gesehen und beschrieben worden. Zusammen mit der konstatierten Unseriosität ist es deshalb durchaus gerechtfertigt, von Verführung der Jugend zu sprechen. Wie dies genau geschieht, soll in diesem Buch Frage für Frage erläutert werden.

Der hier schon vorweggenommene Einwand, der sicherlich als Reaktion auf den Titel gebracht wird, nämlich dass man auch Sokrates wegen Verführung der Jugend angeklagt hat, kann nicht überzeugen. Denn anders als die Kirche war Sokrates auf der Suche nach der Wahrheit und wähnte sich nicht im Besitz derselben.

Jugendliche haben etwas Besseres verdient als alte und längst widerlegte religiöse Phrasen, die auch durch rituelle Wiederholung nicht richtiger werden. Sie sind in der Regel viel aufgeschlossener, toleranter und freiheitsliebender als die etwas steifen Herren einer alten Religion. Man kann nur hoffen, dass sie den katholischen Menschenfischern (Mk 1,17) nicht ins Netz gehen, sich nicht ideologisch fremdbestimmen lassen, sondern ein Leben in freier Verantwortung und selbstbestimmter Zielsetzung zu führen versuchen. Dass sie sich lieber an die Menschenrechte als an die Zehn Gebote halten, lieber sich der Menschenwürde statt dem Gottesdienst verpflichtet fühlen.

Den Aufruf des Papstes "So lade ich euch ein: Studiert den Katechismus! Das ist mein Herzenswunsch" wird man so jedenfalls nicht unterstützen können. Man muss nicht jeder Einladung folgen. Und der Satz des Papstes: "Ihr müsst wissen, was ihr glaubt" bedeutet wohl eher: "Ihr müsst wissen, was ihr glauben sollt." Denn es ist katholische Tradition, die Inhalte des Glaubens zu präsentieren, nicht zu diskutieren.

So soll dieses Buch das erledigen, was die katholische Kirche aus Prinzip nicht leisten will, nämlich auch kritische Stimmen und Anfragen zu Wort kommen zu lassen und auf katholische Fragen einigermaßen vernünftige Antworten zu geben. Dies soll aber nicht bierernst, sondern durchaus auch auf ironische Weise geschehen. Die neuen Antworten auf die 165 Fragen bieten jedenfalls ein kritisches Kontrastprogramm zum Youcat, und es ist durchaus erwünscht zu zappen und die Programme zu vergleichen. "Studiert den Katechismus!", ruft der Papst die Jugend auf. Aber dann doch bitte auch die kritischen Einwände zum Katechismus! Oder wie es beim Apostel Paulus heißt: "Alles prüfet, das Beste behaltet" (1. Thess 5,21).

Das kirchliche Lehramt wird dies freilich anders sehen. Es sei an dieser Stelle herzlich gegrüßt.

Marburg, im September 2011
Heinz-Werner Kubitza

 

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